Art.Nr. 4506 Museales Zylinderbüro mit Tuschbemalung, wohl Mainz 1820

Art.Nr. 4506 Museales Zylinderbüro mit Tuschbemalung, wohl Mainz 1820

8.800,00 €
Artikel-Nr.:4506
Material:k.A.
Stil-Epoche:Biedermeier
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Museales Zylinderbüro, Thuja-Maser, Eibe, Birnbaum, Ahorn auf Weichholz, Eiche furniert. Rechteckiger Korpus mit zweischübigem Unterbau, abgeschrägte Ecken. Sockel mit Voluten verziert, geschweiften Ausschnitten, die Kanten sind mit Ebenholzadern flankiert. Am oberen Ansatz des Sockels ist ein leicht erhabenes Profil, das den Korpus umspannt. Darüber liegen zwei breite Schubfächer, sowie der Zylinder mit einer reich verzierten Schreibeinteilung.

Die Front ist in Thujamaserholz furniert. Das Mittelfeld des Zylinders sowie die Seitenteile sind in Eibenholz stehend furniert. Die abgeschrägten Ecken sind in Birnbaum gebeizt und mit Tuschbemalung dekoriert, im unteren Teil sind zwei Schlangen, die eine Krone tragen, im oberen Teil ist ein Eichenlaubdekor, mit einer blütenförmigen Rosette.
Der Schreibteil besteht aus einer herausziehbaren Schreibplatte mit grüner, geprägter Ledereinlage. (das Leder wurde fachgerecht erneuert). Darüber liegt eine zentrale Nische, die auf der Rückseite verspiegelt ist, mit bogenförmiger Verblendung. Der Boden ist mit einer sternförmigen Tuschbemalung dekoriert. Der Einsatz wird seitlich entriegelt und kann herausgezogen werde, so dass in der dritten Reihe ein weiteres Geheimfach mit zwei Schüben zugängig wird. Die Kopfschublade ist zurückgesetzt und mit einer aufwendig und sehr gut erhaltenen Tuschbemalung verziert.

Erläuterung der Bemalung:

Das Bildfeld auf der oberen Schublade des Zylinderbureaus spielt auf die Funktion des Schreibtisches als Ort des Schreibens und Lesens an. Die kleinen Tuschmalereiszenen, die durch Landschaftszüge inhaltlich voneinander abgegrenzt sind, versinnbildlichen gemäß der Einteilung von Goethe die drei Hauptgattungen der Literatur – Lyrik, Epik und Drama – sowie literarische Untergattungen bzw. andere Textformen.
Am linken Rand eröffnet die Lyrik das Bildprogramm. Da sie zu einem großen Teil von der Liebeslyrik und dem damit verbundenen Herzschmerz bestimmt wird, findet sie ihre Widerspiegelung in einem Herz, das an ein Säulenfragment gekettet ist.
Im mittleren Bereich der Schublade geht es um die Epik als erzählende Dichtung. Das Epos als Vertreter dieser Gattung zeichnet sich beispielsweise durch die Abenteuer aus, die die Helden bestehen müssen. Hier auf dem Möbel wird der Betrachter Zeuge, wie zwei orientalisch gekleidete Männer einen Drachen umzingeln und ihn mit Axt und Speer zu töten versuchen.
Schließlich wird der Bogen der Hauptgattungen bis zum Drama rechts außen gespannt. Da es seinen Ursprung in der Antike hat, wird es durch einen schreibenden Mann verkörpert, der vor einer antiken Säulenarchitektur Platz genommen hat. In diesem angedeuteten Tempel hängt ein Lorbeerkranz, der den Dichterruhm symbolisiert. Aus der erhöhten Position des antiken Gebäudes sowie aus der Zugewandtheit des Schreibers zu diesem lässt sich ableiten, dass sich der Autor im Geiste dem höheren und weit zurückreichenden Ideal des antiken Dramas verpflichtet hat.
In den Bildräumen zwischen den Hauptgattungen befinden sich sinnbildliche Darstellungen verschiedener literarischer Untergattungen. Im rechten Schubladenbereich tut sich eine Szene auf, in der ein Hirte Flöte spielt, während er seine Schafe und eine Ziege hütet. Hiermit wird die Bukolik (Hirtendichtung) verkörpert.
Die nächste Darstellung weiter links leitet zum historischen Schreiben über, das in diesem Fall auf die Menschheitsgeschichte anspielt, hier repräsentiert in Form eines archaisch anmutenden Höhlenmenschen mit Keule und Wolf.
Im übernächsten Bildbereich weiter nach links sind ein Hirsch, ein Vogel im Sturzflug und eine Schlange (Weisheit) zu erkennen. Sie beziehen sich möglicherweise auf ein Schreiben, das der Dokumentation, Archivierung und Erfassung der Tierwelt in einem wissenschaftlich biologisch-geographischen Sinne nachkommt, wie es Alexander von Humboldt vorangetrieben hat.
Die Palmen, Turbane und orientalischen Gewänder, die den Bildfries zieren, zeugen vom Interesse der Zeit um 1800 an allem, was exotisch ist und dem Orient entspringt.

Restaurierte, Schellack polierte Oberfläche, guter Erhaltungszustand mit leichten, altersbedingten Gebrauchsspuren, kleinere Kratzer, Druckstellen, die überpoliert wurden. Ein Seitenteil hat eine senkrechte Furnierergänzung am unteren Ansatz, die leicht sichtbar ist. Diverse, kleinere Furnierergänzungen am Sockel sowie an den abgeschrägten Ecken. Es gibt kleinere Spannungsrisse im Eibenfurnier der Seitenteile. Die Ledereinlage mit Prägung wurde fachgerecht ersetzt. Auf dem Deckel wurden vier Dübellöcher einer Balustrade verschlossen. Main, um 1820.

Literaturvergleich: Mainzer Möbelschreiner der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Heidrun Zinnkann, Seite 267

Höhe: 134 cm, Höhe Schreibplatte: 79 cm, Breite: 120 cm
Tiefe: 64 cm, Tiefe mit ausgezogener Platte: 103 cm